Wagniskapitalinvestoren haben zum Jahresauftakt wieder deutlich mehr Geld in deutsche Startups investiert. Laut CB Insights stieg das Gesamtvolumen hierzulande im ersten Quartal auf 3 Mrd. Dollar – ein Plus von 50% im Vergleich zum Vorquartal. Das letzte Mal, dass innerhalb von einem Quartal mehr als 3 Mrd. Dollar zusammenkamen, ist mittlerweile einige Jahre her.
Interessant dabei ist, dass etwa ein Drittel der jüngsten Summe auf einen Deal entfällt, der bislang offiziell gar nicht bestätigt wurde. So berichtete Bloomberg Anfang März unter Berufung auf Insider, dass das schwäbische Robo-Startup Neura Robotics in Gesprächen über eine Finanzierungsrunde in Höhe von 1,2 Mrd. Dollar stehe. Zu den beteiligten Investoren soll die Kryptobörse Tether gehören, die vergangenes Jahr bereits in den italienischen Neura-Rivalen Generative Bionics investiert hatte. Später hieß es, dass auch Amazon, Qualcomm, Bosch und Scheich Hamad bin Jassim Al Thani – ein Mitglied der katarischen Herrscherfamilie – an der Neura-Runde beteiligt gewesen sein sollen.
CB Insights und auch Pitchbook haben die kolportierte Runde jedenfalls schon in ihren Datenbanken erfasst. Es wäre laut bisherigen Erkenntnissen die EU-weit größte VC-Finanzierung aus dem ersten Quartal. Neura Robotics wurde 2019 gegründet und ist vor allem für seinen humanoiden Roboter “4NE1” bekannt. Das Startup hat aber auch Service- und Industrie-Roboter im Angebot.
Ein weiteres deutsches Startup, das 2019 gegründet wurde, hat daneben gerade einen Deal eingetütet, der in seiner Dimension ebenfalls beachtlich ist – und den es ganz offiziell verkünden konnte. Das Münchner Biotech-Startup Tubulis wird an den US-Pharmakonzern Gilead verkauft, und zwar für bis zu 5 Mrd. Dollar. Tubulis entwickelt Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs), also biologische Wirkstoffe, die als möglicher Gamechanger in der Behandlung von Krebserkrankungen gelten. Denn sie attackieren Krebszellen gezielt, ohne das umliegende gesunde Gewebe zu beschädigen.
Mit diesem Exit setzen die Münchner Maßstäbe in Europa. Denn vergangenes Jahr belief sich die wertmäßig größte Übernahme eines zuvor wagniskapitalfinanzierten Startups laut Pitchbook auf gerade mal bis zu 1,6 Mrd. Dollar. Sie entstand gleichwohl auch im Biotech-Sektor: Der französische Pharmakonzern Sanofi hatte sich im Juli den Londoner Impfstoffentwickler Vicebio geschnappt. Im Jahr zuvor schaffte das auf Augenerkrankungen spezialisierte Londoner Startup Eyebio den größten Exit via Übernahme. Es wurde an den US-Pharmakonzern Merck & Co für bis zu 3 Mrd. Dollar verkauft. 2022 übernahm zudem der dänische Medizintechnikkonzern Coloplast das auf Wundheilung spezialisierte isländische Startup Kerecis für bis zu 1,3 Mrd. Dollar.
Die Investoren von Tubulis dürfte der Deal freuen. Der Hamburger Wirkstoffforscher Evotec, der erstmals im Mai 2022 bei den Münchnern eingestiegen war, rechnet für seine Beteiligung mit Verkaufserlösen von bis zu 158 Mill. Dollar. Zu den weiteren bisherigen Geldgebern zählen unter anderem EQT aus Schweden, Andera Partners aus Frankreich, der US-Vermögensverwalter Wellington und der US-Healthcare-Investor Venrock.